Seit über zwanzig Jahren arbeite ich mit Entwicklern an zwei Richtungen ihrer Entwicklung: am systemischen Verständnis dessen, was sie bauen, und an der Fähigkeit, sich darüber auszutauschen. Beides ist über die Jahre stetig gewachsen, getragen von neuen Methoden, von Scrum und von DevOps. Mit agentischer KI rückt es jetzt ganz nach vorn. Wenn Code billig wird, zählen Architektur und Intent umso mehr.

Was heute verlangt wird

Die Anforderungen an einen Entwickler steigen deutlich: Er muss verstehen, wie Systeme zusammenarbeiten und wie sie für ein Unternehmen ein Ergebnis erzeugen, und er muss ein agentisches System so steuern können, dass dieses Ergebnis entsteht. Dieses Verständnis rückt immer näher an die Entwicklung heran. In kleinen Teams, die Verantwortung für das Ergebnis ihrer Initiative tragen (siehe Allein bauen, wofür früher ein Team nötig war – und warum das nicht das Ziel ist), ist der Entwickler direkt beteiligt und immer weniger der klassische Codeschreiber.

Die erste Richtung: das System verstehen

Schon in meiner Agenturzeit vor über zwanzig Jahren, mit einem Entwicklerteam von bis zu 15 Personen, war das der Kern der persönlichen Entwicklung eines Entwicklers. Eine saubere Zeile Code zu schreiben und die Konstrukte einer Programmiersprache zu beherrschen, reichte schon damals nicht aus. Ein Entwickler sollte Ende-zu-Ende verstehen, was er gerade baut, in welchem fachlichen und technischen Kontext es genutzt wird. Nur mit diesem systemischen Verständnis ließen sich die zunehmend komplexeren Features umsetzen, die von ihm verlangt wurden.

Im E-Commerce-Team eines mittelständischen Medizintechnik-Unternehmens, das wir von zwei auf 15 Personen aufgebaut haben, war die Einführung von DevOps dafür ein gutes Beispiel. Wir haben die Entwickler stärker an Infrastrukturthemen herangeführt und sie damit aus ihren Silos geholt. Aus Entwicklern, die einzelne Features umsetzten, wurden Entwickler, die den Gesamtprozess überblicken und ganze Systemkomponenten selbst entwickeln können, weil sie das Gesamtproblem verstehen. Zugleich sind sie näher an das Geschäft herangerückt.

Die zweite Richtung: die Kommunikation stärken

Die zweite Richtung ist die menschliche. Schon in der Agentur haben wir Mitarbeiterentwicklung betrieben, die die Kommunikation der Entwickler stärken sollte: untereinander, mit den Anforderern und dort, wo Konflikte zu lösen waren. Mit klassischen Kommunikationswerkzeugen wollten wir verhindern, dass ein Entwickler eine Anforderung über den Zaun geworfen bekommt, sie baut und wieder zurückwirft. Er sollte so in das Problem und das Ziel eingebunden sein, dass er sich in der Lage fühlt, Fragen zu klären, und dass er nach Kontext fragt, den er nicht bekommen hat. Intern nannten wir das schlicht „Entwickler lernt sprechen”.

Dieser Ansatz hat sich seitdem weiterentwickelt, mit Methoden des Projektmanagements, mit Scrum und mit DevOps. Die Entwickler kamen immer dichter an das Problem heran, hatten mehr Kontext und konnten Lösungswege stärker mitgestalten. Entsprechend präziser passte das, was sie gebaut haben, auf das Problem. In meinem eigenen Start-up haben wir mit Scrum gearbeitet, und die Entwickler haben die Lösungen sehr weitgehend selbst gestaltet und auch die Geschäftslösungen verbessert. Später, als CTO eines Möbel-Start-ups in Shanghai, arbeitete ich mit einem Team von zwölf Menschen aus acht Nationen, und die Themen waren dieselben: Alle mussten lernen, systemisch zu denken und darüber zu kommunizieren, um Beiträge leisten zu können und um Entscheidungen und eingeschlagene Wege mit gutem Feedback zu hinterfragen.

Was davon trägt

Ich komme selbst aus der Entwicklung und habe erlebt, wie viel besser man arbeitet, wenn man das Geschäftsziel kennt, und wie viel präziser man dann nachfragen kann. Fragen zu stellen und systemisch zu denken, waren deshalb immer die ersten und wichtigsten Schritte, um Entwickler weiterzubringen. Mit agentischer KI werden sie zur Grundlage der Rolle: Wer ein agentisches System steuert, braucht genau dieses Verständnis von Architektur, Kontext und Ziel.